“Festhalten!” Ismael behielt den Countdown immer im Blick. Wenige Sekunden verblieben, bis das energetische Momentum der NOVA aufgebraucht sein und der Hyperraum sie unerbittlich ausspucken würde. Was sie am Ende des Fluges erwartete, Ismael wusste es nicht, aber er musste bereit sein, binnen weniger Sekunden jeder Gefahr auszuweichen. Sofern ihm diese Chance vergönnt sein sollte.
“Rücksturz… JETZT!” Er hoffte so sehr, dass nichts geschehen würde.
Vor der NOVA breitete sich ein grell weißer Raum aus. Wohin Ismael auch blickte, überall strahlten Sonnen, gelb, rot, blau, weiß. In weiter Ferne konnte er sehen, wie zwei Sterne langsam, vielleicht schon seit Jahrtausenden, miteinander kollidierten und ihre Massen unkontrolliert in alle Richtungen davon schleuderten.
Aber sonst?
“Hier ist nichts”, bemerkte Tanya mit Enttäuschung in ihrer Stimme. Sie und Thomas hatten sich hinter Ismael gestellt, blickten aus dem Fenster hinaus.
“Was hattest du auch erwartet?” grollte Thomas. Tief in seinem Innern war er schon vor langer Zeit zu der Erkenntnis gekommen, dass sie hier sicherlich nicht die Antwort auf all ihre Fragen auf einem silbernen Tablett serviert bekommen würden.
Tanya brummte missmutig. “Keine Ahnung, was ich erwartet habe. Die Anomalie vielleicht. Oder sonst irgendetwas. Nicht einfach nur nichts.”
“Parker!” stieß Ismael hervor, ruhig, fast schon resignierend.
“Nein, den habe ich nun wirklich nicht erwartet”, antwortete Tanya mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.
“Nein”, setzte Ismael nach und deutete auf den Ortungsschirm. “Parker ist hier!”
*
Ohne zu zögern bestätigte Ismael die Anfrage, einen Funkkanal zu öffnen. Angesichts der Tatsache, dass vor wenigen Sekunden ein schwerer Kreuzer aus dem Hyperraum erschienen war und nun direkt auf die NOVA zuhielt, wollte er lieber kein allzu großes Risiko eingehen.
“Hey Leute! Schön zu sehen, dass es euch gutgeht.” Tanya erschauderte unwillkürlich. Parker klang freundlich und voller Elan, wie immer. Sie wusste, dass seine Freundlichkeit nicht mehr war als eine trügerische Fassade, hinter der Wut und Rachsucht brodelten. “Nur zur Information, mir geht es auch gut. Ihr wisst schon, nachdem ihr mich bewusstlos und unter Feindfeuer zurückgelassen und dann mitten in meinem Schiff einen Vortex geöffnet habt, der uns auch alle hätte in Stücke reißen können.”
“Das Schiff kommt näher”, bemerkte Thomas trocken nach einem Blick auf die Ortung.
“Ja, tut es in der Tat. Und ich rate euch dringend, einfach eure Position zu halten. Dann wird euch auch nichts geschehen. Wenn ihr Fahrt aufnehmt, schieße ich euch ohne zu zögern aus dem Himmel.”
*
Das Schot zum Frachtraum öffnete sich langsam. Anstatt die NOVA an Bord des Kreuzers zu schaffen, hatte ein Shuttle an sie angedockt.
“Parker muss sich seiner Sache sehr sicher sein”, bemerkte Ismael, als er sich zu Thomas und Tanya gesellte, die bereits im Frachtraum warteten.
Thomas breitete die Arme aus, um Ismael zurück zu halten. “Bleibt zurück! Das kann immer noch eine Falle sein!”
“Apache, stell dich nicht so an!” erklang Parkers Stimme durch das geöffnete Schot. “Das ist keine Falle. Ich möchte nur mit euch reden. Und übrigens, wenn ich euch erschießen lassen wollte, war es überaus schlau von euch, direkt in der Schusslinie auf mich zu warten.”
“Worüber willst du denn bitte mit uns reden?” rief Tanya.
“Darüber, wie es nun weitergehen soll. Was auch immer du den beiden über mich erzählt hast, ich bin kein Unmensch. Kaum zu glauben, was?” Vorsichtig überquerte Parker die Schwelle, trat an Bord der NOVA. Er trug frische Kleidung. Nur ein schmaler Verband um seine Stirn zeugte von der Schlacht, die er erst vor wenigen Stunden überlebt hatte. “Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung für diese Situation finden, die für uns alle von Vorteil ist.” Ihm auf dem Fuße folgten sechs bewaffnete Soldaten, die ihre Gewehre sofort auf Thomas und die Menschen hinter ihm richteten.
“Es würde ja schon helfen, wenn du nicht umringt von Wachen hierher kämest, die sofort auf uns zielen. So etwas schafft kein Vertrauen.”
Parker lachte auf. “Tanya, bitte. Denkst du, ich trete dem Apachen ungeschützt gegenüber? Er beißt bestimmt!”
Thomas’ Muskeln spannten sich an. Er musste sich zur Besonnenheit zwingen. Parker spielte mit seiner Geduld ein gefährliches Spiel.
Doch da erschütterten schwere Schläge die NOVA, als stünde das Schiff unter Beschuss. Einer der Soldaten stützte Parker, als dieser zu fallen drohte.
Wütend riss Parker das Funkgerät von seinem Gürtel und schrie ohne lange zu warten hinein. “Brücke! Was zum Teufel ist das?”
“Sir, die Sensoren drehen durch! Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht! Ich rate Ihnen dringend —” Mehr hörte Parker schon nicht mehr. Das Funkgerät blieb stumm. Er stöhnte, als er auf dem Boden aufschlug.