Drei Tage schon waren sie an Bord von Parkers Yacht, der EINS, zu Gast. Ismael verbrachte die meiste Zeit damit, die rasant voranschreitenden Arbeiten an der NOVA, seinem umgetauften Schiff, zu begutachten. Von Tanya und Thomas hatte er so gut wie kein Lebenszeichen erhalten, aber er hatte auch nur wenig an sie gedacht. Zu sehr beschäftigten ihn die Arbeiten an seinem Schiff.
Jedes Mal, wenn die Arbeiter mithilfe mächtiger Kräne binnen Minuten ein tonnenschweres Bauteil aus dem Schiff oder in es hinein hoben, ärgerte er sich dafür, wie langsam und stümperhaft er damals vorgegangen war, doch gleichzeitig war er auch stolz, dass er die monströsen Anlagen dank seines Erfindungsreichtums ganz allein bewegt hatte.
So langsam nahm das erneuerte Schiff Formen an. Die Hülle glänzte in einem matten Silberton. Heraus stachen nur die Stellen, an denen der neue Name in schwarzer Schrift prangte.
Mit einem Krachen ging die neue Aussichtskuppel entzwei, als sie einem der Arbeiter entglitt und zu Boden stürzte. Ismael hörte das Geschrei des Vorarbeiters nicht mehr, denn in Gedanken war er schon wieder bei Hanna. Er fragte sich, wie lange er sich selbst noch quälen würde, indem er an sie dachte, ihr Lächeln, ihre Stimme, ihren Duft. Und er wusste, dass er nicht eher aufhören konnte, bevor er nicht wusste, was genau schiefgegangen war.
*
Parker hatte die Karte genau studiert. Wieder und wieder. Seit Stunden. Inzwischen musste er jeden Stern, jeden Planeten, jede Raumstation in den angrenzenden Sektoren kennen wie seine Westentasche. Und doch war es nicht genug.
In Gedanken vollzog Parker die Bewegungen seiner Flotte nach. In Kürze würden sich Zehntausend seiner Schiffe in Marsch setzen und jedes System der Union in ihrer Reichweite nach außen hin absichern. Bereits vorgerückte Kräfte der Allianz würden mit aller Macht verdrängt werden. Er war auf keinen Krieg aus, aber es galt auch die Interessen des Unternehmens zu verteidigen.
Er hörte, wie sich ihm Schritte näherten, doch er reagierte nicht. Erst als die Personen — fünf, wie er inzwischen ausgemacht hatte — zum Stillstand gekommen waren, drehte er sich langsam um.
Zwei Soldaten hatten Ismael, Tanya und Thomas auf die Brücke der EINS eskortiert. Einer der Soldaten trat einen Schritt vor und salutierte. Parker nahm den Gruß mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, mehr wurde nicht von ihm erwartet.
“Ihre Gäste, wie befohlen”, meldete der Soldat und blickte Parker aufmerksam an.
“Danke, Sie können uns allein lassen.” Während die Eskorte Kehrt machte und sich in eine Ecke des Raumes stellte, ging Parker mit offenen Armen auf seine Besucher zu. “Schön, dass ihr hier seid. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich euch hierher bestellt habe.”
“Allerdings”, brummte Tanya missmutig. Sie hatte die letzten Tage allein in ihrer Kabine verbracht. Ihre Befürchtungen waren nicht eingetreten. Parker hatte sich nicht blicken lassen, so wie auch sonst niemand.
Parker lächelte Tanya an. “Komm, mach nicht so ein Gesicht! Immerhin habe ich dafür gesorgt, dass du die letzten Tage über deine Ruhe hattest. Wobei ich schon beeindruckt war, wie oft sich dein Barbarenfreund hier bemüht hat, zu dir vorgelassen zu werden.” Er blickte Thomas mit einem verschmitzten Grinsen an. “Ich hätte ihn beinahe ganz einsperren lassen, wenn er deinen Wachen weiter zur Last gefallen wäre. Jeden Tag hat er es versucht.”
Tanya legte Thomas die Hand auf den Arm. Jeder Muskel im Körper des Apachen war angespannt. Parker nicht anzufallen verlangte ihm eiserne Disziplin ab.
Ismael hatte schon längst kein Interesse mehr an dem Streit. Schon als sie den Raum betreten hatten war seine Aufmerksamkeit sogleich von der meterhohen Projektion auf sich gelenkt worden, die mitten auf der Brücke stand. Einfach so in der Luft hingen unzählige winzig kleine Schiffskörper, die sich drehten, in kleinen Verbänden in alle möglichen Richtungen strebten, sich neu formierten. Eine solche Flotte hatte Ismael noch nie gesehen und aus dieser Perspektive, aus der er sie vollständig überblicken konnte, bereitete ihr Anblick ihm Unbehagen.
“Was ist hier eigentlich los? Warum diese riesige Flotte?” Ismael deutete auf die Projektion und realisierte in dem Moment erst, wie nahe Thomas daran gewesen war, Parker zu attackieren.
“Die Allianz ist der Union weit überlegen”, sagte Parker und ging leichten Schrittes auf Ismael zu. “Nach der Schlacht von Amara hat die Allianz Ruhe bewahrt. Über Jahre hinweg haben sie sich auf diesen Schlag vorbereitet, ihre Flotte aufgebaut. Jetzt kann sie nichts mehr aufhalten.”
“Außer Ihnen, richtig?” Ismael hoffte, dass Parker sich doch noch als Wohltäter herausstellte. Nach Timmans Planet hatte er den mächtigsten Menschen überhaupt für einen Helden gehalten, doch Parkers Verhalten, gerade Thomas und Tanya gegenüber, verunsicherte ihn mehr und mehr.
Parker lächelte milde. “So ungefähr, ja.”
“Denk bloß nicht, dass er das aus reiner Nächstenliebe tut!” warf Tanya mit wütender Stimme ein. “Die Menschen der Union könnten ihm kaum gleichgültiger sein! Julian, willst du Ismael nicht verraten, was dein Vorhaben ist?”
Parker verzog die Mundwinkel. Ab diesem Punkt würde Ismael anfangen müssen, Fragen zu stellen. “Wie gesagt, die Allianz ist der Union überlegen. Sie wird sich nach und nach über den gesamten Unionsraum ausbreiten. Sie stürzen sich auf die Planeten und machen Sie dem Erdboden gleich. Ihr Hass hatte viel Zeit zu reifen. Aber wir lassen nicht zu, dass sie die Planeten völlig vernichten. Wenn es eine Macht gibt, die der Allianz die Stirn bieten kann, dann Parker. Natürlich verhindern wir, dass die Allianz sich weiter ausbreitet. Und wo immer die Allianz die Union angreift, sind wir zur Stelle.”
“Und?” Tanya hatte einen Ausdruck gespielter Erwartung im Gesicht. Sie wusste genau, was Parker sagen würde.
“Und dann bauen wir wieder auf, was die Allianz zerstört hat. Wir bauen die Häuser wieder auf, wir reparieren die Schiffe, wir pflegen die Kranken.”
“Und dann?”
“Dann präsentieren wir die Rechnung. Denk daran, PARKER Industries umspannt nicht weniger als dreihundert Welten mit rund einer Billion Bewohnern, die alle beschäftigt und bezahlt sein wollen. Wir machen einfach das Beste aus dieser verfahrenen Situation, und im schlimmsten Fall ist das Beste immer noch Profit.”
Ismael überlegte, was er Parker darauf erwidern sollte. Auf der einen Seite war er entsetzt von Parkers Art, den Krieg zweier Reiche für seinen eigenen Gewinn auszunutzen. Auf der anderen Seite konnte er Parkers Argumentation zumindest nachvollziehen.
“Sir!” meldete sich ein junger Unteroffizier zu Wort, der einige Meter entfernt an einer Konsole saß. “Die Flotte ist bereit. Alle Verbände sind in Position und startklar.”
Parker nickte zufrieden. “Startfreigabe!” Er deutete auf die Projektion und sagte mit einem so entspannten Tonfall, als hätte das bisherige Gespräch nie stattgefunden: “Schau dir das an, Ismael, so etwas hast du bestimmt noch nicht gesehen!”
Die kleinen Schiffe in der Projektion setzten sich langsam in Bewegung. Nur ein kleiner Haufen verblieb, eine Kugel um Parkers Yacht formend. Dann versanken weite Teile der Projektion in grellen Blitzen. Tausende Risse öffneten sich und verschlangen die Schiffe, bis nur noch der eine kleine Verband übrig war.
“Ganz toll. Und nun?” fragte Tanya missmutig. Sie wollte eigentlich nur fort, so schnell wie möglich weg von Parker. “Lass doch wenigstens Ismael und Thomas gehen, sie haben schließlich nichts mit meinem Vergehen zu tun!”
Parker lachte. “Meinst du ich würde den beiden etwas antun wollen? Nein, sie sind meine Gäste, so lange sie es wünschen. Immerhin haben sie dazu beigetragen, mein Eigentum wieder zu mir zurück zu bringen.” Er sah Tanya fest in die Augen, so als wollte er sie mit seinem Blick durchbohren. “Aber keine Sorge. Die Arbeiten an der HANNA… Verzeihung, der NOVA, sind so gut wie abgeschlossen. Eigentlich muss sie nur noch betankt werden, dann könnt du und dein Apache uns verlassen.”
“Aber —” Ismael wollte Parker etwas entgegnen, denn so unwohl er sich im Moment auch fühlte, er wollte doch wissen, was die Restauration der NOVA-Daten ergeben hatte. Doch der Unteroffizier, der Parker zuvor bereits Meldung erstattet hatte, stand nun neben dem Industriellen und reichte ihm einen Zettel.
Parkers Augen weiteten sich und ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. “Heute läuft aber auch alles wie geschmiert. Im Ernst, das Timing könnte kaum besser sein. Die Daten aus der ARK NOVA wurden soeben entschlüsselt. Fünf Logbücher und diverse Karten konnten gerettet werden. Ich lasse sie gleich bringen, dann können wir alle zusammen Zeugen der Geschichte werden.” Er warf Tanya einen verschwörerischen Blick zu. “Und all das haben wir nur dir zu verdanken, meine Gute. Du kannst stolz auf dich sein!”
Parker wandte sich dem Unteroffizier zu. “Mihaila, sagen sie dem Forschungsteam, dass sie die Daten hochbringen sollen!” Der Unteroffizier nickte kurz und kehrte zu seinem Platz zurück.
“Also dann, wo waren wir?” Bevor Parker das Gespräch wieder aufnehmen konnte, erklangen Signaltöne, Sirenen.
Mihaila wirbelte mit seinem Stuhl herum. “Sir, Ortungsalarm! Zahlreiche Rückstürze aus dem Hyperraum. Sensoren messen mindestens einhundert Schiffe der Allianz an, auf direktem Kurs zu uns!”