Die HANNA stand ganz allein auf der Ladefläche des Transporters, der aus wenig mehr Komponenten bestand. Die seitlich an dem Schiff emporragende Kabine bot dem Piloten sowie den sechs Passagieren, Ismael, Tanya, Thomas, Denise sowie zwei Soldaten, gerade genug Platz, um sich gegenseitig nicht auf die Füße zu treten.
Das weiße Schiff kam immer näher. Soweit Ismael es erkennen konnte, war die Hülle absolut rein, nicht einmal beschriftet. “Das Schiff, was ist das?”
Denise setzte noch nicht einmal zu einer Erklärung an, denn sie hatte schon geahnt, dass Tanya ihr zuvorkommen würde.
“Das ist die EINS, die Privatyacht von Parker.” Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit, Resignation gar.
“Parker?” Ismael zuckte zusammen, als an Steuerbord ohne Vorwarnung ein Verband aus einigen dutzend Schiffen in den Hyperraum sprang. “Julian Parker? Heißt das, wir werden Julian Parker selbst treffen?” Er konnte es kaum glauben. Ismael hatte die Chance, dem mächtigsten Mann der Galaxis, vielleicht sogar des gesamten Universums, zu begegnen.
Der Transporter flog an dem fülligen, elegant geschwungenen Rumpf des Schiffes vorbei, knapp unterhalb des in einer weiten Kurve aufragenden Halses, an dessen Ende ein gläserner Zylinder prangte, erfüllt von einem gelben Licht.
Der Pilot flog hinter der Yacht einen engen Bogen und hielt auf das offen stehende Hangartor an ihrem Heck zu.
Behutsam setzte das Transportschiff auf dem Boden auf, während sich das Tor hinter ihm schloss.
Denise hatte ihr freundlichstes Lächeln aufgesetzt, als sie die Kabinentür öffnete und Tanya auf die sich rasch entfaltende Gangway drängte. “Los, Doktor Vallier, Sie werden bereits sehnlich erwartet!”

*

Klein war der Mann, zu gewöhnlich klein. Ismael hatte eine weit imposantere Erscheinung erwartet, eher an Thomas erinnernd, ein Hüne, der die Ausstrahlung tief ruhender, schrecklicher Macht besaß.
Parker war da ganz anders. Er war um einige Zentimeter kleiner als Ismael und irgendwo in den frühen Dreißigern. Unter seinem zerzausten dunklen Haar strahlte eine aufgeweckte Neugier aus seinen braunen Augen hervor. Sein Mund öffnete sich zu einem breiten Lächeln, als er auf die zwischen Verwunderung und Panik schwankende Tanya zustürmte und sie fest an sich drückte wie einen lange verloren geglaubten Freund.
Ismael sah Thomas ratlos an. Der Apache zuckte mit den Schultern.
Als Parker zu sprechen begann, klang seine Stimme hell, sanft und durchdrungen von einer schier unerschöpflichen Freundlichkeit. “Tanya, schön, dass es dir gutgeht. Als die ersten Berichte von deinen Eskapaden in den vergangenen Tagen bei mir eintrafen, habe ich mir riesige Sorgen um dich gemacht!” Er sah sie besorgt an, musterte sie leicht von der Seite, so als wollte er überprüfen, ob sie auch wirklich nicht verletzt war. “Vorweg: es ist okay. Ich bin nicht sauer auf dich. Ich meine, du hattest vermutlich äußerst wichtige Gründe dafür, warum du mich bestohlen hast, mich zutiefst verletzt hast, und dann einfach verschwunden bist.” Schlagartig war jegliche Herzlichkeit aus Parkers Auftreten verschwunden. Seine Augen verfolgten rastlos Tanyas Mienenspiel, jede noch so kleine Regung.
Aus dem Augenwinkel konnte Parker sehen, wie es auch in Ismael arbeitete. “Du schaust so fragend. Moment, hat Tanya etwa… oh, du hinterhältiges Ding! Natürlich hat sie dir nichts verraten. Tanya hat für mich gearbeitet. Was sage ich denn? Soweit ich weiß, arbeitet sie immer noch für mich. Tanya hat an einem Forschungsprojekt gearbeitet. Das Ziel war es im Grunde, die letzten Tage vor dem Verschwinden der ARK NOVA genau nachzuhalten, um darauf schließen zu können, was damals überhaupt passiert ist.”
Er fasste Tanyas Schulter und drehte sie um. Schnell blickte sie zu Boden, wich den fragenden Blicken Ismaels und Thomas’ aus. “Und dabei hat Frau Doktor hier anscheinend den ganz großen Fund gemacht und sich mitsamt ihrer Forschungsunterlagen bei Nacht und Nebel davongestohlen.”
“Warum wehrt sie sich denn nicht?” Thomas kochte innerlich über vor Wut. Wie konnte Tanya all diese Vorwürfe über sich ergehen lassen, ohne Parker die Stirn zu bieten? Selbst wenn sie schuldig war musste sie doch Gründe für ihr Handeln besessen haben. Auch wenn er Parker war, so etwas durfte sie sich doch nicht gefallen lassen.
Ismael war zutiefst verwirrt. Er mochte Tanya wirklich gerne. Sie hatten in den letzten Tagen eine Menge miteinander durchgemacht, aber gleichzeitig konnte er Parker nur zu gut verstehen. Er kannte das Gefühl, von einem Menschen, dem man vertraut, betrogen zu werden.
“Du hast mich belogen und bestohlen! Und obwohl du die wichtigste Entdeckung der letzten Jahrhunderte gemacht hast, hast du es durch deine Einfältigkeit trotzdem auch noch geschafft, all dies null und nichtig zu machen. Du findest die ARK NOVA und sprengst sie in die Luft? Das muss dir doch selbst auch wehtun, oder? All deine Arbeit, ganz umsonst!” Er hatte Tanya gepackt und blickte ihr direkt in die Augen. Sie wollte sich abwenden, doch er hielt ihren Kopf fest in seinen Händen. Thomas machte sich zum Sprung bereit. Er konnte Parker in einem einzigen Augenblick erreichen und ihn kampfunfähig machen, vielleicht auch töten. Doch was dann?
“So umsonst war es gar nicht”, warf Ismael ein. Tanya wirbelte herum, blickte ihn entsetzt an. Es war ihm egal. In diesem Moment fühlte er sich Parker um so vieles näher. “Wir haben von der NOVA Daten geborgen, Logbücher. Ich weiß nicht, wie viel davon lesbar ist, aber Sie haben sicherlich die Mittel, Teile der Daten wiederherzustellen.”
Parker war zu Ismael herangetreten und lächelte ihn freundlich an. “Ganz bestimmt haben wir die Technologie, um aus den Daten etwas zu machen. Ich danke dir von ganzem Herzen für deinen mutigen Entschluss. Aber verrätst du mir auch, was dich zu diesem Schritt veranlasst hat?”
Ismael verzog die Mundwinkel. “Sagen wir einfach, ich habe eine ungefähre Ahnung davon, wie Sie sich gerade fühlen müssen. Außerdem, im Grunde sind es ja Ihre Daten. Zumindest konnten sie nur durch Ihre Forschung entdeckt werden, darum sollen Sie sie jetzt auch haben dürfen.”
“Und dafür will ich mich auch erkenntlich zeigen. Wie wäre es hiermit?” Parker war zu dem Transporter geschritten und betrachtete die HANNA aus der Nähe. ”Dein Schiff sieht ja doch ganz schön mitgenommen aus. Wenn du magst, lasse ich sie komplett überholen. Sie wird sich wie neu anfühlen. Na, wie klingt das?” Er streckte Ismael die Hand entgegen.
“Klingt ganz, als wären wir im Geschäft.” Ismael schlug ein.

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