Tausende Schiffe hingen in der Luft, im Zaum gehalten nur von den noch immer verschlossenen Toren zur Außenwelt. Wilde Stürme verwüsteten den Boden, verursacht von den Triebwerken der wartenden Raumer.
Ismael starrte gebannt auf das Tor vor ihm, die Finger fest um das Steuer gelegt. Er war sich dessen nicht bewusst, aber seine zitternde Kehle summte leise bebend die Melodie eines alten Liedes, das er einmal als Kind in der Schule gehört hatte. Es war eine traurige Melodie, in der Leid und Verlust mitschwangen, die vom Ende einer Liebe erzählte ebenso wie vom Ende eines Lebens.
Ismael ließ die HANNA sanft ein wenig fallen, schob sich hinter einige weitere Schiffe, versuchte sich zu verstecken.

Tanya und Byron hatten am Esstisch Platz genommen, sich mit Gurten an den massiven Holzbeinen festgebunden. Nur Thomas ging umher, beobachtete die Formation der Schiffe um die HANNA herum auf Sensoranzeigen und durch die gläserne Kuppel vor dem Platz des Piloten.
“Halt dich von dem roten Frachter da an Steuerbord fern. Wenn der getroffen wird und wir zu nah dran sind, nimmt die Explosion uns problemlos mit.” Thomas’ Stimme war ganz ruhig, sein Blick aufmerksam und entschlossen. Das machte Ismael Mut. Jedenfalls soweit es seine Angst zuließ. “Das Containerschiff da sollte eine gute Deckung bieten, wenn die Allianz konventionelle Geschütze einsetzt. Diese Bauart ist sehr gut gepanzert und hält einiges aus, bevor man sich Sorgen machen muss. Wenn sie sich aber entschließen, Projektorgeschütze einzusetzen, solltest du lieber versuchen, so viel Distanz wie möglich zu allen anderen Schiffen aufzubauen.”
Ismael merkte auf. “Projektorgeschütze? Sind das die Teile mit dem Mini-Vortex?”
“Genau. Das Geschütz ist im Grunde nichts weiter als ein kleiner Vortex-Projektor, der die Projektile innerhalb seiner Reichweite nahezu ohne Zeitverlust an jeden beliebigen Ort transportieren kann, insbesondere mitten in ein Schiff hinein. Kurz gesagt, diese Waffe ist für ein kleines Schiff wie die HANNA absolut tödlich.”
Der Griff des Steuerknüppels quietschte leise, als Ismael ihn noch fester packte. “Und was tue ich, um nicht davon getroffen zu werden?”
Thomas stockte für einen Moment. “Du versuchst einfach nicht da zu sein, wo das Projektil wieder erscheint.”
Ismael wollte zu einer Erwiderung ansetzen, da brach ein wildes Durcheinander auf allen Funkkanälen aus.
Grauer Sand stürzte durch den sich weitenden Spalt, als sich das Tor über der HANNA öffnete, ebenso wie hunderte weitere Tore überall auf Timmans Planet. Der fallende Sand wurde durch die Luft gewirbelt, hin und her gerissen von den Winden der Schiffstriebwerke und der langsam nach draußen strömenden dichteren Atmosphäre der unteririschen Kunstwelt.
Die ersten Schiffe setzten sich in Bewegung. Den Blick starr geradeaus gerichtet griff Thomas zur Seite und schaltete das Funkgerät ab. Ismael musste sich jetzt konzentrieren. Die verzweifelten Schreie sterbender Piloten würden ihm dabei ganz sicher nicht helfen.
Mit einem sanften Ruck setzte sich die HANNA in Bewegung.

*

Der Himmel stand im Flammen. Aus dem All regneten Geschosse herab, die an einer unbestimmten Stelle ihres Falles explodierten. Schwere Bomben stürzten durch die Atmosphäre hinab auf den Boden, vergingen in Pilzen aus Feuer und hinterließen tiefe Krater im grauen Staub der Planetenoberfläche.
Wie wilde Blumen blühten Feuerbälle nach allen Seiten hin auf. Thomas rief einen Befehl und Ismael wies die HANNA nach Backbord. Eine Sekunde später zerplatzte der rote Frachter und stürzte als brennende Walze zurück in das Tor, riss dabei mehrere Schiffe mit hinab.
Der Flug durch die Atmosphäre, bei dem Ismael ständig den überall herabstürzenden Bomben, Raketen und Trümmerteilen ausweichen musste, war noch der einfache Teil des Fluges. Thomas hatte mit dem Schlimmsten gerechnet und wurde nicht enttäuscht. In einem tiefen Orbit um den Planeten schwebten Waffenplattformen, deren einziger Zweck das Bombardement war. Die sechseckigen Metallwaben stellten keine Bedrohung für die fliehenden Schiffe dar. Wohl aber die Begleitflotte, die in größerem Abstand lauerte.
Die Zahl der Schiffe, in deren Schatten die HANNA sich bewegen konnte, war bedeutend dezimiert worden. Ismael hatte vielleicht noch zwei Dutzend Schiffe vor sich, die nun immer mehr auf Abstand zueinander gingen. Nicht mehr lange, und die HANNA flog ungeschützt und allein durch den Raum.

*

Sieben Träger warteten in der Nähe von Timmans Planet. Jeder der zwölfseitigen Schiffskörper durchmaß gut einen Kilometer und diente zweiundsiebzig Raumjägern als Basis. Und diesen Jägern stand ein erfolgreicher Tag bevor.
Der Befehl war klar: kein Schiff durfte Timmans Planet verlassen. Wer dem Befehl zuwider handelte, musste zur Rechenschaft gezogen werden.
Aus verschiedenen Stellen in der Oberfläche des kleinen grauen Planeten kamen die Schiffe hervorgekrochen und stiegen durch die Atmosphäre hinauf in den freien Raum. Binnen weniger Minuten zeigte die Ortung etwas mehr als dreitausend Schiffe an.
Die Jäger setzten sich in Bewegung.

*

Ismael schreckte auf, als die Ortungsschirme einen Pulk neuer Kontakte anzeigten, die sich mit rasender Geschwindigkeit näherten.
“Lass dich zurückfallen!” befahl Thomas. Sie mussten sich im Getümmel der fliehenden Schiffe verbergen, durften kein offensichtliches Ziel abgeben.
Immer wieder blickte Ismael angstvoll auf den Auslöser des Vortex-Projektors. Er fühlte sich, als versuchten Millionen winziger Nadeln durch seine Haut nach draußen zu dringen, und der einzige Weg, dieses Gefühl loszuwerden, war der Sprung in den Hyperraum. Doch da er die HANNA zur Höchstgeschwindigkeit zwang, bestand die Gefahr in einen unvollständig geöffneten Vortex hinein zu fliegen, was für die HANNA schwere Schäden bis hin zur völligen Vernichtung bedeuten konnte.
Und nun, da die HANNA langsamer und von mehr und mehr Schiffen überholt wurde, war ohnehin nicht mehr an einen Sprung zu denken. Irgendeines der anderen Schiffe würde mit Sicherheit mit dem künstlichen Riss im Raum kollidieren und ihn zum Einsturz bringen.
Die herannahenden Schiffe hatten sich zerstreut, schienen die Flüchtlinge in die Zange nehmen zu wollen. Und dann war es, als zöge ein unsichtbarer Stift gestrichelte Linien aus Licht zwischen den Jägern und den fliehenden Schiffen. Grelle Blitze kündeten von ersten Verlusten. Schiffe verloren plötzlich an Fahrt und begannen abzudriften. Andere zerplatzten in rasch wieder in sich zusammenfallenden Bällen aus gleißend hellem Feuer.

*

Die Reihen lichteten sich immer weiter. Ismael steuerte die HANNA von Deckung zu Deckung. Größere Raumer, in deren Ortungsschatten das Schiff eine Weile ausharren konnte, gab es genügend. Doch die pfeilschnellen Jäger preschten wie wild durch das Gewimmel aus Metall und Feuer und schossen auf alles, was sich bewegte.
Ein schwerer Tanker zog träge seine Bahn am Rande des Schlachtfeldes. An seiner Backbordseite flog die HANNA mit. Das Gefecht war noch zu nah, als dass ein Ausbruch nach Backbord hin sich gelohnt hätte. Binnen Sekunden hätte man die HANNA entdeckt und abgeschossen.
“Warte noch ein paar Minuten”, sagte Thomas um Ismael zu beschwichtigen, dessen Unruhe er sehr wohl gespürt hatte. “Der Tanker soll uns noch ein Stückchen weiter weg bringen. Es dauert nicht mehr lange.” Er wünschte sich so sehr, dass seine Worte auf mehr fußten, als auf Hoffnung und Spekulation.
Überrascht schrie Ismael auf und riss das Steuer zur Seite. Gerade noch so konnte Thomas auf dem rückwärtig gewandten Schirm sehen, wie der Tanker an mehreren Stellen aufplatzte als Projektile seine Hülle durchstießen.
Er hörte Ismael aufgeregt murmeln: “Weg weg weg weg weg!”
Ein Ruck durchfuhr die HANNA. Alle Lichter erloschen.

*

“Ismael, was ist los?” rief Tanya aus dem Nebenraum. “Sind wir getroffen?”
Ismael antwortete nicht. Eines der Projektile, die den Tanker durchschlagen hatten, musste den Hauptgenerator getroffen haben. Die Notstromversorgung hatte sehr lange gebraucht, um sich in Gang zu setzen, das missfiel ihm sehr. Er würde sich dringend darum kümmern müssen.
Nach und nach erwachten die wichtigsten Systeme wieder zum Leben. Die Kontrolle über das Schiff kehrte zurück, wenn auch nur langsam.
“Es hilft nichts!” verkündete Thomas mit einem Blick auf den langsam zur Seite driftenden, immer wieder von kleinen Explosionen erschütterten Tanker. “Wir müssen springen!”
Wie sehr Ismael darauf gewartet hatte. Er wandte die HANNA herum und drückte den Auslöser für den Vortex-Projektor.
Nichts geschah. Er drückte den Knopf noch einmal. Wieder keine Reaktion.
Der Projektor bekam keinen Strom. Vielleicht hatte der getroffene Generator das Stromnetz überlastet und dabei die Sicherung des recht alten Projektors ausgelöst.
“Byron!” Ismael hörte, wie der Cherokee mühsam seinen Gurt löste. “Im Maschinenraum gibt es einen Sicherungskasten gleich wenn du an der Leiter bist. Die Sicherung für den Vortex-Projektor müsste raus sein. Zumindest hoffe ich, dass es nur das ist.”
Ein schwerer Schlag ließ die HANNA erneut erbeben. Weitere Teile des Tankers mussten explodiert sein.

*

Byron atmete schwer unter der Maske, die sein Gesicht bedeckte. Hastig durcheilte er den Gang, der nach Achtern führte. Das Schott zum Maschinenraum stand noch einen Spalt weit offen.
Der Cherokee hörte ein leises Pfeifen. Vorsichtig öffnete er das Schott und trat hindurch. Da war die Quelle des Geräusches. Nur wenige Meter vor ihm befand sich ein kleines Loch, kaum größer als ein Fingernagel. Die mit aller Macht nach außen drängende Luft zerrte an der beschädigten Wand, Risse breiteten sich aus.
Byron hatte einen Plan. Er spürte förmlich, wie man ihm auf die Schulter klopfen würde, ihm dem großen Retter. Er lief über den schmalen Steg, der bis in die Mitte des Maschinenraumes führte und hielt an der Leiter, die den Zugang zu den eigentlichen Maschinen bildete, schmucklosen Quadern mit einigen wenigen offen zugänglichen Leitungen und sichtbaren Anzeigen.
Hier, direkt auf Augenhöhe, hing der Sicherungskasten. Byron öffnete die Klappe und legte den Schalter, der mit “Projektor” beschriftet war, um. Mit beiden Händen fasste er nun die Klappe und stemmte sich mit einem Fuß gegen die Wand. Mit einem lauten Knall gaben die Scharniere nach und Byron taumelte zurück.
Als er die abgerissene Klappe flach auf das Einschlussloch presste, riss ihm die entfliehende Luft das Metallstück förmlich aus der Hand, versuchte es durch das Loch zu drücken. Doch das Metall war stärker, hielt die gebrochene Hülle verschlossen.
Byron war ein Held, daran bestand kein Zweifel. Er hatte zwar durch seine eigene Dummheit seinen Stamm verloren, doch zumindest konnte er auf die Anerkennung der drei Fremden hoffen, deren Leben er soeben gerettet hatte.
Zur Sicherheit schloss er diesmal das Schott zum Maschinenraum. Sollte das Leck doch weiter aufbrechen, wollte er zumindest nicht derjenige sein, der auch noch die Tür hatte offen stehen lassen.
Er hatte den Gang schon halb durchquert, da hörte er hinter sich rasche Schläge, Metall auf Metall. Und wieder das Pfeifen entweichender Luft.
Byron wurde von einem schweren Schlag an die Wand geworfen. Er spürte ein Brennen in seiner Brust. Er sah das kleine Loch in der Wand. So winzig klein. Niemand war da um ihm zu sagen, dass er seine Arbeit gut gemacht hatte.

*

“Wie lange noch?” Thomas’ Stimme schwankte leicht. Die Aufregung schien mehr an ihm zu zerren, als ihm lieb sein konnte.
Ismael warf einen Blick auf die Statusanzeigen. “Der Projektor sollte in wenigen Sekunden feuerbereit sein. Das Scheißteil ist so unendlich alt, das braucht immer Ewigkeiten zur Feuerbereitschaft. Deswegen hab ich es normalerweise auch nie ausgeschaltet.”
“Dreh ab!” rief Thomas. Ein Jäger hatte sich noch einmal in die Nähe des antriebslos dahintreibenden Tankers gewagt und die HANNA entdeckt.
Ismaels Ausweichmanöver kam gerade noch rechtzeitig. Die Schüsse, die nur den Verbindungstunnel durchlöcherten, hätten sonst die Maschinensektion getroffen und eventuell sogar Byron verletzt.
Ismael fluchte verzweifelt. Einige Sekunden vielleicht noch und sie hätten den Sprung wagen können. Und dann so etwas.
Mit vollem Schub flog die HANNA davon, den aus allen Rohren feuernden Jäger stets auf den Fersen. Ismael schlug einen Haken nach dem anderen, trieb die HANNA an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Mit jedem neuen Manöver kreischte die Hülle, drohte zu brechen.
Die Hyperraum-Sensoren verzeichneten einen massiven Energiestoß. Ein Schiff von gewaltigen Ausmaßen musste in den Normalraum eingeflogen sein.
“Na super, noch mehr von denen!” rief Ismael in wütender Verzweiflung.
“Das ist nicht die Allianz”, entgegnete Thomas nach einem kurzen Blick auf die Messbilder. “Das ist PARKER.” Die Ortung hatte ein einzelnes Schiff erfasst, eine Kugel von zwei Kilometern Durchmesser.
Schlagartig machten die Jäger der Allianz Halt. Die Orbitalplattformen stellten ihr Bombardement des Planeten ein. Eine seltsame Stille legte sich über das Schlachtfeld.
Die Lautsprecher der Funkanlage erwachten zum Leben. “Hier spricht der schwere Kreuzer P-HC-017. Wir fordern die Truppen der Allianz auf, ihren Angriff unverzüglich einzustellen, andernfalls sieht sich PARKER gezwungen, entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.”
Ismael traute seinen Augen nicht. Ohne zu zögern machten die Schiffe der Allianz Kehrt. Die Jäger landeten auf ihren Basisschiffen. Die Plattformen verließen den Orbit. Es war, als hätte es die ganze Zeit über nur eines strengen Wortes bedurft, um die ganze Situation zu entschärfen.
Keine fünf Minuten dauerte es, dann öffneten sich mehrere Risse und verschluckten die Angriffsflotte der Allianz spurlos.

*

Wie ein kleiner Mond stand die P-HC-017 neben Timmans Planet. Insektenschwärmen gleich verstreuten sich ihre Beiboote über das Schlachtfeld, eilten kraftlos im Raum treibenden Schiffen zur Hilfe. Ein Geschwader leichter Transportschiffe strebte dem vom Bombardement geschundenen Planeten entgegen. Wenige Minuten später fielen zwei Lazarettschiffe aus dem Hyperraum und öffneten ihre Hangartore.
Ein Bergungsschiff, kaum mehr als ein fliegender Greifarm, näherte sich der HANNA, begleitet von einem Jäger der PARKER-Flotte.
“Hier spricht die LR-017-19. Ich habe Befehl erhalten, die HANNA zu bergen und an Bord der HC siebzehn zu bringen. Bitte deaktivieren Sie Ihren Antrieb und halten Sie diese Position.”
Irritiert blickte Ismael zu Thomas auf, der verwundert aus dem Fenster hinaus blickte. Beide fuhren herum, als Tanya ruckartig aufsprang und zur Treppe eilte. Die Männer folgten ihr, bis hinein in ihr Quartier.
“Was zur Hölle machst du da?” schrie Ismael und stürzte sich auf Tanya, die einen Haufen gebildet hatte aus den Speichersticks, die sie aus der ARK NOVA geborgen hatten, und drauf und dran schien, sie zu zertreten.
“Ich muss die ganzen Daten vernichten!” keuchte sie und richtete ihren Blick verweifelt auf Thomas. “Bevor Parker sie in die Hände bekommt.”

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